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Depression: eine "minderwertige" Krankheit?
 
Kranke und ihre Angehörigen fühlen sich oft isoliert
 
„Bezeichnend für jene Unglücklichen ist es, dass Sie nicht nur eine minderwertige Gesundheit, sondern auch eine minderwertige Krankheit haben.“ So drückt Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“ die entwertende und ablehnende Haltung der Bevölkerung psychisch Kranken gegenüber prägnant aus.

In allen industrialisierten Ländern hat die Inzidenz der psychischen Erkrankungen seit der Zeit Robert Musils (1880 - 1942) nachweislich deutlich zugenommen. So haben heute etwa 10 % aller Männer und 20 bis 25 % aller Frauen zumindest einmal in ihrem Leben eine behandlungsbedürftige Depression, nicht zu verwechseln mit einer harmlosen depressiven Verstimmungen. Nach einem Bericht des Institutes für medizinische Statistik (IMS) diagnostizieren österreichische Ärzte im Jahr etwa 1,2 Millionen Mal „depressive Zustandsbilder“. Im Jahre 2015 werden Depressionen, so Prognosen der WHO, unter den sogenannten „disabeling diseases“ - Krankheiten, die Betroffene daran hindern, ein normales Arbeits- und Sozialleben zu führen - nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits die zweite Stelle einnehmen.

Der Besuch der Dame in Schwarz

Schwere depressive Episoden haben 3 % der Männer und 6 % der Frauen. Dass Depressionen, also der „Besuch der Dame in Schwarz“, wie der Schweizer Psychotherapeut C.G.Jung diese Krankheit poetisch beschrieb, bei Frauen doppelt so häufig sind wie bei Männern, kann hormonell erklärt werden, liegt aber vor allem auch heute noch in der sozialen Rolle der Frau, bzw. liegt eine weitere Erklärung wahrscheinlich auch darin, dass Männer ihre Depressionen hinter Alkoholismus, der bei ihnen häufiger ist, verbergen.

Und da sind wir bei einem wichtigen Punkt: Von den hunderttausenden klinisch durchaus behandlungsbedürftigen Depressiven in Österreich erhält schätzungsweise nur ein Drittel bis ein Viertel eine adäquate und optimale Behandlung. In einer Gesellschaft, die Psychosen tabuisiert und häufig nicht als Krankheit akzeptiert, fühlen sich psychisch Kranke und ihre Angehörigen oft isoliert und allein gelassen. Hier ist der Apotheker gefordert, seine einfühlsame Beratung ist hier nötig wie bei kaum einer anderen Erkrankung. Unbedingt erforderlich ist es, über die Nebenwirkungen einiger Psychopharmaka Bescheid zu wissen, die schon vor der erwünschten Wirkung auftreten können. Weiters muss man wissen, dass - um wieder nur ein Beispiel zu nennen - am Beginn einer Behandlung gehemmter Depressionen mit einem Antidepressivum vom Desipramin-Typ die Suizidgefahr steigt, weil der Antriebs steigernde Effekt dieser Substanzen meist rascher eintritt als die Stimmungsaufhellung. Ganz allgemein ist besonders bei der Therapie mit Psychopharmaka die Compliance der Patienten über die akute Krankheitsphase hinaus zu sichern, da viele wegen scheinbarer Besserung ihre Medikamente zu früh absetzen, und damit sind nur einige wenige Aspekte, die für die pharmazeutische Beratung notwendig sind, angerissen.

Selektive Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer und sogenannte atypische Neuroleptika sollen eine gezieltere und vor allem nebenwirkungsärmere Therapie ermöglichen. Aber es gibt auch neue Erkenntnisse aus der Forschung pflanzlicher Antidepressiva, wobei hier dem Johanniskraut besondere Bedeutung zukommt. Aber auch das weite Begegnungsfeld von Psychopharmaka und Psychotherapie - heute Begegnungsfeld, da wir gelernt haben, den Menschen in seiner Ganzheit entsprechend zu sehen und zu behandeln - lange Zeit galten Psychopharmaka und Psychotherapie geradezu als Gegensätze, verspricht interessante Aspekte.

Traurigkeit und Zorn wird aus dem Herzen vertrieben ...

In der Geschichte gingen lange Zeit Analgetika und Psychopharmaka gemeinsame Wege. Homer beschreibt in der Odyssee (4.Gesang) „jenen wunderbaren Pflanzensaft, der Traurigkeit und Zorn aus dem Herzen vertrieb und alle Schmerzen vergessen ließ“. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist mit dieser Pflanze der Mohn gemeint, der schon bei den Ägyptern - etwa 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung - bekannt war und als Schmerz- und Psychodroge Verwendung fand. Hier gibt es aber nicht nur weitere pharmakologische Brücken - denken Sie an Neuroleptika aus der Substanzklasse der Butyrophenone, die ausgehend von Analgetika der Pethidin-Reihe entwickelt wurden, sondern auch therapeutische, persönliche und für Patienten leidvolle Zusammenhänge.