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Tagesrhythmen und Arzneimittelwirkungen: Chronopharmazie bzw Chronopharmakologie
 
Der richtige Zeitpunkt für die Einnahme der Medikamente
 
Verschiedene Vorgänge der Natur laufen rhythmisch immer wieder zu den gleichen Zeiten ab. Gesteuert werden diese Abläufe tagtäglich vor allem durch den stetigen Wechsel von Licht und Dunkelheit und von Aktivität und Ruhe. Rhythmische Abläufe finden sich jedoch nicht nur in unserer Umwelt, auch physikalische, chemische und biologische Prozesse innerhalb unseres Organismus sind periodisch organisiert. So erreicht beispielsweise die Hormonsekretion der Glukokortikoide (Nebennierenrindenhormone) in den frühen Morgenstunden (4 bis 8 Uhr) ein Maximum.
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Daraus folgt, dass auch die Wirkung von Arzneimitteln vom Zeitpunkt der Applikation abhängig sein kann. Bei der phasengerechten Anwendung von Arzneimitteln (z.B. Gabe von Glukokortikoiden am frühen Morgen) spart man erhebliche Wirkstoffmengen und reduziert die Nebenwirkungen.

Die Chronopharmakologie

Den Wissenschaftszweig, der sich mit dem richtigen Einnahmezeitpunkt beschäftigt, nennt man Chronopharmakologie ( von griech. „chronos“ = Zeit; Pharmakologie = Lehre von den Pharmakawirkungen). Die Chronopharmakologie ist eine relativ junge Wissenschaft, sodass bisher nur ein kleiner Bruchteil der Medikamente auf chronobiologische Eigenschaften untersucht wurde. Die H2-Blocker etwa, die bei Magenerkrankungen verordnet werden, um die Überschussproduktion an Magensäure zu hemmen, werden am besten in den Abendstunden als Einmaldosis gegeben. Auch die abendliche Gabe von antiallergischen Mitteln aus der Gruppe der H1-Blockern erweist sich als vorteilhaft. In der Schmerztherapie findet sich bei Metamizol die beste Wirkung nach Einnahme am Morgen. Acetylsalicylsäure hingegen hat die geringste Nebenwirkungsrate, wenn man die Präparate gegen 22.00 Uhr einnimmt.
Univ.-Prof. Dr. Björn Lemmer von der Universität Heidelberg hat in vielen Publikationen nachgewiesen, dass nicht nur die richtige Menge der richtigen Substanz an das richtige Zielorgan gelangen muss, sondern auch zur richtigen Zeit. In seinem Standardwerk »Chronopharmakologie: Tagesrhythmen und Arzneimittelwirkung« rät er zum Beispiel, am Nachmittag zum Zahnarzt zu gehen, weil dann das Anästhetikum drei Mal länger wirkt als am Morgen und somit sparsamer dosiert werden kann. Bei Krebspatienten wiederum haben Untersuchungen gezeigt, dass morgendliche Infusionen von Cisplatin bei gleichzeitiger Verlängerung des Infusionsintervalls und einer verminderten Dosis zu weniger Nebenwirkungen führen.


TV-Apothekerin Mag. Haase zum Thema
"Tagesrhythmen und Arzneimittelwirkung" in der Sendung
„Sommerzeit“ am 8.8.2007: Beitrag als Video abspielen
(Windows Media-Audio-/Videodatei 340 KBits/s)
Chronopharmazie