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Apotheker informieren - Schlafmittel nur kurzfristig anwenden
 
Schlafstörungen: Tipps auf der Suche nach Linderung
 
Rund ein Viertel der österreichischen Bevölkerung leidet laut der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ÖGSM) an Schlafstörungen. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, die Behandlung oft dieselbe. Als Schlafmittel können verschiedene Substanzen eingesetzt werden, angefangen von pflanzlichen Mitteln bis hin zu den Benzodiazepinen. Die meisten Schlafmittel verbessern zwar die Schlafdauer, aber die Schlafqualität und die Erholsamkeit des Schlafes im Hinblick auf Tagesaktivitäten bleiben unbefriedigend. Bei der Suche nach Alternativen wurde auch das bekannte »Melatonin« näher untersucht und erwies sich als vielversprechend. Doch wie bei allen Schlafmitteln besteht auch in diesem Fall die Gefahr der Gewöhnung, daher sind alle diese Arzneimittel nur kurzfristig, als unterstützende Maßnahme bei der Ursachenbekämpfung zu verwenden.

Siehe auch: TV-Apothekerin Mag.pharm. Sonja Burghard zum Thema Gesunder Schlaf in der Sendung "Heute Leben" im März 2016
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Tipps bei Schlafstörungen:
Um eine angenehme Schlafumgebung und gute Schlafbedingungen zu schaffen, können folgende Verhaltensregeln hilfreich sein:
    • Gehen sie nur zu Bett, wenn Sie müde sind, nicht wenn es Zeit ist.
    • Wenn Sie nicht einschlafen können, schauen Sie nicht dauernd auf die Uhr oder den Wecker. Verbannen sie Uhren aus dem Schlafzimmer.
    • Das Bett ist nur zum Schlafen da. Sie sollten im Bett nicht Essen , Fernsehen oder ähnliches.
    • Schwere Augen, Gähnen, Frösteln oder herabgesetzte Kommunikationsbereitschaft und Konzentration zeigen Müdigkeit an. Achten Sie darauf, wann Sie wirklich müde sind!
    • Trinken Sie keine großen Flüssigkeitsmengen am Abend; Harndrang ist ein starker Weckreiz.
    • Sorgen Sie für Ruhe und Dunkelheit im Schlafzimmer. Die Raumtemperatur sollte 14 bis 18 Grad Celsius betragen.
    • Schwere Mahlzeiten, Alkohol oder ein hungriger Magen zwei Stunden und weniger vor dem Zubettgehen lassen schlecht schlafen.
    • Trinken Sie keine anregenden Getränke wie Kaffee, schwarzen Tee oder Cola zwei Stunden vor dem Schlafen!
    • Halten Sie kein Mittagsschläfchen. Insbesondere dann nicht, wenn Sie Schwierigkeiten haben, abends einzuschlafen oder nachts durchzuschlafen.
    • Wenn Ihnen Einschlafen schwer fällt, bleiben Sie nicht länger als 30 Minuten wach im Bett liegen. Stehen Sie stattdessen auf und beschäftigen Sie sich mit entspannenden Tätigkeiten wie z.B. Lesen, bis sie wieder müde werden. Gehen Sie erst dann wieder zurück ins Bett.
    • Warme Fußbäder, warme Milch und Kräutertee fördern die Einschlafneigung.
    • Regelmäßige körperliche Aktivität am Morgen oder frühen Nachmittag kann die Schlaftiefe verbessern. Vermeiden Sie Sport und Anstrengungen kurz vor dem Zubettgehen.
    • Seelische Probleme sollten nicht mit ins Bett genommen werden.
    • Notieren Sie Ihre Gedanken in der Stunde vor dem Zubettgehen; zwischen Zubettgehen und Einschlafen und wenn Sie nachts aufwachen und nicht wieder einschlafen können.
    • Führen Sie ein Schlaftagebuch.


Pflanzliche Mittel für den Schlaf
Heilpflanzen wie Baldrian, Melisse oder Hopfen als Aufguss lindern Nervosität und helfen beim Einschlafen – sie beruhigen und fördern den Schlaf. Aber auch ein Bad mit Melisse- oder Baldrianzusatz sorgt für gutes Einschlafen. Auch Lavendelkissen sind eine wohltuende Schlummerhilfe.

    Baldrianwurzel
    Seine zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten machten den Baldrian bereits im Mittelalter zu einem Allheilmittel. Im Englischen heißt er umgangsprachlich deswegen auch 'all heal' (heilt alles). In der Volksmedizin zählt Baldrian zu den bewährtesten Mitteln gegen Unruhe, Nervenschwäche, Schlaflosigkeit, nervöses Herzklopfen und krampfartige Magen- Darmbeschwerden, früher wurde er sogar als Augenheilmittel geschätzt.
    Indikationen:
    Wissenschaftlich belegt:
    Baldrianwurzel und Extrakte: Unruhezustände, nervös bedingte Einschlafstörungen.
    Valepotriate: "Tagessedativum".
    Erfahrungsmedizin:
    Neurovegetative Störungen, "nervöser" Magen, als Spasmolytikum.
    Citronellöl
    Das aus dem Zitronengras durch Wasserdampfdestillation gewonnene Citronellöl weist eine ähnliche Zusammensetzung wie das echte Melissenöl auf und darf daher anstelle von Aetheroleum Melissae abgegeben werden. Spiritus aromaticus compositus (Karmelitergeist, Melissengeist) hat folgende Zusammensetzung: Citronellöl, Nelkenöl, Muskatöl und Zimtöl in verdünntem Ethanol.
    Indikationen: Wissenschaftlich belegt:
    Innere Unruhe bei nervösen Befindlichkeitsstörungen, Beschwerden im Magen-Darm-Bereich.
    Empfohlene Dosierung:
    Äußerlich: Anwendung als Dreiviertelbad mit mindestens 0,04 g Citronellöl/Liter Badewasser; Badedauer 10-20 Minuten.
    Hopfenzapfen
    Die Fruchtstände der weiblichen Hopfenpflanze und die Drüsenschuppen werden vor allem in Kombination mit Baldrianwurzel, Melissenblätter, Passionsblumenkraut und Hafer zur Herstellung von Schlafmitteln genutzt.
    Wirkungen:
    Sedierende Wirkung: Das sedierende Wirkprinzip wird in dem aus den Bitterstoffen Humulon und Lupulon durch Abbau entstandenen 2-Methyl-3-buten-2-ol vermutet. In Tierversuchen erwies sich diese Substanz als stark sedativ wirksam. In Kombination mit Extrakten aus Baldrianwurzel und Passionsblume zeigten Zubereitungen aus Hopfenzapfen in klinischen Studien gute Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Einschlaf- sowie Durchschlafstörungen. Gleiches gilt für Kombinationen aus Hopfenzapfen, Baldrianwurzel und Melissenblatt wie auch für jene aus Hopfenzapfen und Baldrianwurzel.
    Antibakterielle, antimykotische Wirkung: Bestandteile der Hartharzfraktion hemmen das Wachstum von Candida-, Mucor-, Fusarium- und Staphylococcus-Arten.
    Östrogene Wirkung: Auf Grund von Zyklusstörungen, die bei Hopfenpflückerinnen aufgetreten sind, wurde die Vermutung geäußert, dass Hopfen östrogenartig wirkende Substanzen enthält. Für diese Wirkung sind polyphenolische Inhaltsstoffe, nicht aber Hopfensäuren, Abbauprodukte der Hopfensäuren oder Xanthohumol verantwortlich.
    Hopfenbittersäuren sollen die Magensaftsekretion stimulieren; am isolierten Kaninchen- und Meerschweinchendarm zeigen alkoholische Hopfenextrakte stark spasmolytische Wirkungen.

    Anbau: Es werden nur weibliche Pflanzen als Stecklinge gezogen. Die Pflanzen erreichen (im zweiten Jahr) bis zu 8 m Höhe und wurden früher mühsam mit der Hand geerntet. Heutige Erntemaschinen leisten in einer Stunde die Arbeit von über 600 Hopfenpflückern. Berühmte Hopfenanbaugebiete sind u.a. in Nordböhmen (Saazer Hopfen). Alleine im Gebiet Saaz waren 6000 Hopfenpflücker – die aus dem Riesengebirge zur Erntesaison kamen – im Einsatz. Es wird berichtet, dass die Hopfenpflücker unter den Wirkungen der Heilpflanze zu leiden hatten. Während bei den Männern hauptsächlich die sedierenden Wirkungen beobachtet wurden, so standen bei den Frauen phytoöstrogene Wirkungen (s.o.), die sich teilweise auch in stimmungsaufhellenden Effekten manifestierten, im Vordergrund. Aus diesem Grund sind Hopfenkissen, wie sie auch heute wieder in Bioläden und auf Bauernmärkten angeboten werden, als „Schlafmittel“ nicht zu empfehlen.

    Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass Hopfen natürlich nicht nur pharmazeutisch verwendet wird. Er verleiht nicht nur dem Bier den typischen Geschmack, sondern macht es auch haltbarer.
    Lavendelblüte
    Schon während des Römischen Reiches setzten Patrizier und vornehme Stadtbewohner ihrem Badewasser Lavendelkraut zu, erfreuten sich seines angenehmen Duftes und wussten schon um seine entspannende und kreislaufstärkende Wirkung. Von daher stammt auch der lateinische Name lavare, was 'waschen' bedeutet.
    Indikationen:
    Wissenschaftlich belegt:
    Innerlich: Befindensstörungen wie Unruhezustände, Einschlafstörungen, funktionelle Oberbauchbeschwerden (nervöser Reizmagen, Meteorismus, nervöse Darmbeschwerden).
    Äußerlich: in der Balneotherapie zur Behandlung von funktionellen Kreislaufstörungen.
    Erfahrungsmedizin:
    Inhalation (Lavendelkissen): Einschlafstörungen.
    Empfohlene Dosierung:
    Lavendelblüte:
    Mittlere Tagesdosis: 1-2 Teelöffel Droge pro Tasse, mehrmals täglich.
    Als Badezusatz: 20-100 g Droge auf 20 Liter Wasser.
    Ätherisches Lavendelöl:
    Innerlich: 1-4 Tropfen (20-80 mg) auf ein Stück Würfelzucker, 2-3 mal täglich.
    Berechnungsgrundlage: 4,5 g Droge, 150 mg ätherisches Öl.
    Melissenblatt
    Melisse wird in der Volksmedizin noch heute vielfältig eingesetzt: bei Erregung und innerer Unruhe, Stress und Depressionen, Schlaflosigkeit, Menstruationsschmerzen, Herzklopfen, Krämpfen und Darmkoliken, Blähungen und Schwindel und zur äußerlichen Anwendung gegen Lippenherpes.
    Indikationen:
    Wissenschaftlich belegt:
    Nervös bedingte Einschlafstörungen, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden; bei Herpes simplex.
    Erfahrungsmedizin:
    Als Badanwendung zur Beruhigung und Entspannung. Melissengeist als Einreibung bei Nervenschmerzen, Muskelkater und Hexenschuss.
    Empfohlene Dosierungen
    Innerlich: mittlere Tagesdosis 1,5-4,5 g Droge mehrmals täglich.
    Äußerlich: Extrakte, in einer hydrophilen Salbengrundlage verarbeitet, lokal zur Behandlung von Herpes labialis.
    Ätherisches Melissenöl: Einzeldosis 0,05-0,2 ml.
    Berechnungsgrundlage: 9 g Droge.
    Passionsblumenkraut
    Die Passionsblume ist eine Kletterpflanze, stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde vor 350 Jahren von spanischen Missionaren in die südeuropäischen Mittelmeerländer eingebürgert. Im 1646 von Ferrari herausgegebenen Kräuterbuch „De Florum Cultura“ wird die Pflanze folgendermaßen beschrieben: die Pflanze erinnert mit ihren Merkmalen an das Leiden Christi. Die drei Narben stellen die Nägel dar, der Strahlenkranz die Dornenkrone, die fünf Staubblätter die Wunden, der Fruchtknoten den Kelch, die Blätter die Lanze und die Ranken erinnern an die Geißel. Daher auch der Name „Passionsblume“.
    Es werden ihr positive Wirkungen bei Ängsten, Nervosität und Stress, bei Schlaflosigkeit, krampfartigen Schmerzen der Hohlorgane und bei der Entwöhnung von Drogen und Alkohol zugesprochen.
    Therapeutisch relevante Wirkungen:
    Zentral dämpfende Wirkung: Im Rattenversuch verlängerte Passifloraextrakt die Schlafzeit; Vitexin wirkt im Tierexperiment motilitätshemmend. Passifloraextrakt greift weder an Benzodiazepinrezeptoren noch an dopaminergen oder histaminergen Rezeptoren an. Passionsblumenextrakt zeigte in klinischen Studien in Kombination mit Baldrianwurzel (mit oder ohne Hopfenzapfen) eine gute Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Einschlaf- wie auch Durchschlafstörungen.