Druckansicht
Sind diese Beeren giftig?
 
Tipps vom Apotheker
 
Auf in den Wald zum Beeren sammeln! Beim Wandern oder Spazieren findet man wilde Erdbeeren, Brombeeren, Himbeeren oder Heidelbeeren. Dabei ist es sehr wichtig, Kindern so früh wie möglich die Merkmale essbarer Früchte zu zeigen und zu erklären. Schon Kleinkinder sind imstande, Blattformen und Früchte genau zu unterscheiden. Außerdem muss man sie darauf hinweisen, dass nicht alle Beeren gegessen werden dürfen, sondern dass einige sogar giftig sind und man nach dem Genuss sterben kann. Zu diesen giftigen Pflanzen zählt zum Beispiel die Tollkirsche.

Meist sind es leuchtend rote Früchte wie die von Seidelbast oder von der Eibe, die auf Kinder anziehend wirken. Lesen Sie dazu weiter unten einige Tipps vom Apotheker!


Tollkirsche (Atropa belladonna)
Foto: F.Biba
Tollkirsche
Sie wächst gern am Waldrand und hat schwarze kirschgroße Beeren, die einzeln stehen und einen »Blattkragen« tragen. Ohne Behandlung gelten bereits 3–5 Beeren für Kinder und 10-20 Beeren für Erwachsene als tödlich. Im Verdachtsfall (Symptome: Rötung des Gesichts, Mundtrockenheit, beschleunigter Puls und Mydriasis) sollte möglichst rasch Erbrechen ausgelöst werden, für eine Magenspülung ist wegen der Trockenheit der Schleimhäute ein gut geölter Schlauch zu verwenden. Als Antidote können Physostigmin und Pilocarpin gegeben werden.


Eibe (Taxus Baccata)
Foto: F.Biba
Eibe
Ebenso stark giftig sind beinahe alle Teile der Eibe. Lediglich der auffällige rote, fleischige Samenmantel, der die harten schwarzen Samen umgibt, ist ungiftig. Da der Same von Kindern nur schwer zerbissen werden kann, ist nach Ingestion der „Eibenfrüchte“ kaum mit Vergiftungserscheinungen zu rechnen. Ganz anders die Nadeln, das Pseudoalkaloid Taxin B kann im schlimmsten Fall (z.B. bei Suizidversuchen) zu letalen Vergiftungen führen. Da die Nadeln schwer verdaulich sind, ist auch nach längerer Zeit eine Magenentleerung noch sinnvoll.

Seidelbast (Daphne)
Foto: Department f. Pharmakognosie d. Univ. Wien
Seidelbast
Stark toxisch sind auch die rotorangen Früchte des Seidelbasts. Zerbeißen nur eines Samens führt zu stundenlangem Brennen im Mund und Hals („Kellerhals“ = „Quälerhals“). Weitere Symptome sind Erbrechen, Magenschmerzen, Koliken, Durchfall, Kollaps. Schon 10 Früchte können für ein Kind tödlich sein. Für die Giftigkeit sind Diterpen-ester (z.B. Daphnetoxin, Mezerein) verantwortlich. Die Therapie erfolgt rein symptomatisch.

Spindelstrauch (Euonymus europaeus)
Foto: F.Biba
Spindelstrauch
Im botanischen Sinn keine Beere, aber optisch äußerst attraktiv sind die Früchte des Spindelstrauches („Pfaffenkapperl“, „Pfarrerkapperl“). Die roten Kapseln enthalten schwarze Samen, die von einem orangen Samenmantel umhüllt sind. Ein Mix aus Alkaloiden und herzwirksamen Digitaloiden macht alle Teile der Pflanze toxisch. Nach Aufnahme von mehr als 5 Samen sollte eine Giftentfernung (Erbrechen, Magenspülung) durchgeführt werden.

Einbeere (Paris quadrifolia)
Foto: F.Biba
Relativ ungefährlich
Neben den genannten Pflanzen, die tatsächlich zu ernsthaften Vergiftungen Anlass geben können, gibt es bei uns weitere Beerenfrüchte, die im Volksmund als ‚giftig‘ gelten, deren Einnahme aber kaum zu Vergiftungssymptomen führen. Die Früchte von Einbeere, Heckenkirsche, Liguster, Holunder (ungekocht!), Schneeball, Schneebeere, Salomonssiegel, Eberesche, Feuerdorn, Indischer Scheinerdbeere, Wandelröschen oder Lorbeer-Kirsche können zwar in größeren Mengen gastrointestinale Beschwerden auslösen, eine therapeutische Intervention ist aber in den wenigsten Fällen notwendig.

Nachtschattengewächse
Nicht alle Vertreter aus der Familie der Nachtschattengewächse sind so giftig wie die Tollkirsche. Die Steroidalkaloide in verschiedenen Solanum-Arten (z.B. Bittersüßer Nachtschatten, Schwarzer Nachtschatten, aber auch das Korallenbäumchen) sind weit weniger gefährlich. Es wird empfohlen, erst ab einer Aufnahme größerer Mengen reifer Beeren an eine Giftentfernung zu denken, unreife Beeren werden etwas toxischer eingestuft. In Giftpflanzenbüchern findet man auch den Bocksdorn, die Angaben zum Vorkommen von Tropanalkaloiden ähnlich der Tollkirsche sind sehr widersprüchlich und konnten mit modernen Methoden nicht verifiziert werden. In der traditionellen chinesischen Medizin werden Lycium-Früchte ohne Bedenken verwendet.

Wacholder
Die Beerenzapfen des Wacholders kennen wir als Arzneimittel (Aquaretikum) und als Gewürz („Wacholderbeeren“). Doch nicht alle Wacholderarten sind dafür geeignet. Als Faustregel gilt: Arten mit stechenden Nadelblättern sind brauchbar, solche mit nicht wehrhaften Schuppenblättern (z.B. der einheimische Sadebaum, Juniperus sabina, oder als Ziergehölze gepflanzte Kriechwacholderarten aus Nordamerika) gelten als Giftpflanze.

Die Früchte von Ölweide, Sanddorn und Berberitze sind ungefährlich, die beiden Letzteren enthalten sogar relativ große Mengen an Vitamin C.

Tipps vom Apotheker
Im Verdachtsfall sollte neben eventuellen Maßnahmen der Ersten Hilfe unbedingt versucht werden, die Pflanze anhand von Früchten oder Blättern zu identifizieren und die aufgenommene Menge festzustellen. Pflanzenkenntnis ist für die Beratung essenziell und kann in vielen Fällen unangenehme Maßnahmen wie eine Magenspülung ersparen.
Im Zweifelsfall: Vergiftungsinformationszentrale, Tel. 01/406 43 43.



Lesen Sie auch:
Univ.-Prof. Mag.pharm.Dr. Reinhard Länger: Gesundheit aus der Naturapotheke