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Berücksichtigung von Frauen bei der Arzneimittelforschung
 
 
    Nicht jede Therapie ist für beide Geschlechter gleichermaßen wirkungsvoll, Krankheitszustände werden sehr verschieden erlebt und Medikamente können höchst unterschiedliche Wirkungen entfalten. Trotzdem wurde aber die Medizin bisher so betrieben, als ob Frauen im Wesentlichen nichts weiter als klein geratene Männer seien: So spitz formuliert es die Amerikanerin Dr. Marianne Legato in ihrem Buch "Evas Rippe - Die Entdeckung der weiblichen Medizin".
In der Therapie kam der Ruf nach differenzierten Behandlungsmethoden mit der AIDS-Forschung in den USA auf. Frauen klagten nämlich doppelt so oft wie Männer über Nebenwirkungen bei der Behandlung. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Medikamente überwiegend an Männern getestet worden waren und Frauen in den Medikamentenstudien kaum eine Rolle spielten.

Die Gründe hierfür waren ebenso verständlich wie letztlich falsch: Frauen im gebärfähigen Alter setzen sich in einer Medikamentenstudie möglicherweise einem hohen langfristigen Gesundheitsrisiko aus, wenn sie während der Studie schwanger werden. In der frühen Phase einer Medikamentenentwicklung können häufig noch keine Angaben darüber gemacht werden, ob der Wirkstoff für einen Embryo schädlich ist. 1977 veröffentlichte die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA sogar eine Anweisung (Policy), gebärfähige Frauen von frühen klinischen Studien der meisten Arzneimittel auszuschließen. Dies geschah – nicht zuletzt auf Grund der Contergan-Katastrophe - im Hinblick auf mögliche negative Folgen bei einer Schwangerschaft und im Hinblick auf die Fertilität. In der Folge waren gebärfähige Frauen von Studien der Phase I und der frühen Phase II in der Regel ausgeschlossen, und die bei Männern gewonnenen Studienergebnisse wurden weitestgehend auf Frauen übertragen.

Situation heute
Die Anweisung der FDA wurde erst im Jahr 1993 mit der Publikation der FDA „Guideline for the Study and Evaluation of Gender Differences in the Clinical Evaluation of Drugs (Federal Register 1993, 58 (139): 39406- 16)“ revidiert. Darin wurden die Firmen aufgefordert, bei der Arzneimittelentwicklung Patienten beiderlei Geschlechts einzubeziehen und sowohl bei der Wirksamkeit als auch Unbedenklichkeit nach signifikanten Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu suchen. Das Wissen über geschlechtsspezifische Wirkungen von Arzneistoffen hat sich seitdem erheblich vergrößert. Man weiß heute von unterschiedlichen Wirkungen bei Blutdruck- und Schmerzmitteln und kann belegen, dass Psychopharmaka zum Teil anders dosiert werden müssen, um eine optimale Wirkung zu entfalten.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Häufigkeit und Ausprägung von Krankheiten, zum Beispiel bei koronaren Herzkrankheiten oder Herzinfarkt, sind keine neuen Erkenntnisse. Neu ist der Gedanke, dass Frauen bei einigen Erkrankungen eventuell einer anderen Therapie oder einer anderen Dosierung bedürfen als Männer, denn es kann einerseits Unterschiede in der Verstoffwechselung von Medikamenten geben, andererseits können Hormone die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen. So wirken beispielsweise die männlichen Androgene einer Thrombose entgegen. Diese Wirkung wird durch die gleichzeitige Einnahme von Acetylsalicylsäure funktionell unterstützt. Bei Frauen wirkt ASS weniger ausgeprägt, weil das weibliche Hormon Estrogen ein funktioneller Antagonist von ASS ist.

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