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Weide und Spirstrauch: Die Eltern des Aspirin
 
 
In den alten Hochkulturen Indiens, Vorderasiens, zur Blütezeit Mesopotamiens und im alten Ägypten wurde gepulverte Weidenrinde bereits arzneilich verwendet. Der älteste Beleg dafür findet sich auf einer Tontafel aus der Zeit um 700 v. Ch. mit assyrisch-babylonischen Rezepturen. In der Hippokrates zugeschriebenen antiken Textsammlung "Corpus Hippocraticum", die zwischen dem 5. und 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, wird Weidenrindentee gegen Rheuma und Fieber empfohlen. Und auch Indianer bestrichen die Stirn mit einem Brei aus Weidenrinde, wenn sie an Kopfschmerzen litten.
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Weiden sind Flussbegleiter. Sie bevorzugen feuchte Standorte, kommen an Gräben und am Rand feuchter Wiesen vor. (Alle Fotos: F.Biba)

Von mittelalterlicher Volksmedizin zur Neuzeit

Die erfahrungsmedizinische Anwendung der Weidenrinde (Cortex Salicis) hatte auch im Mittelalter eine gewisse Bedeutung. Die vorherrschende Signaturenlehre, bei der die Eigenschaft der Pflanze als Hinweis auf ihre heilende Wirkung gesehen wurde ("Ubi morbus ibi remedium") analogisierte die biegsamen Zweige der Weide als Mittel gegen „steife Gelenke und Glieder“ und schloss aufgrund des nassen Standortes des Baumes auf Hilfe bei „Sumpf- und Wechselfieber“. Weiden, Pappeln und auch der Spirstrauch wurden als Bewohner der feuchten und dem Wind ausgesetzten Sumpfwiesen und Auen empirisch zur Behandlung von Erkältungen, Fieber oder Rheuma verwendet, weil diese ursächlich der Feuchtigkeit zugeschrieben werden.

Heilkundige und Ordensleute in den Klöstern bewahrten durch Aufzeichnungen das Wissen über die Heilkraft pflanzlicher Drogen. So empfahl die Benediktinerinnen-Äbtissin Hildgard v. Bingen (1098-1179) die Anwendung geschälter Weidenrinde bei Blutungen, Fieber und Harnleiden. Der englische Geistliche Ed­ward Stone dürfte der erste gewesen sein, der den Einfluss von Cortex Salicis auf das Wechselfieber näher untersuchte (1763). In den folgenden Jahren geriet die Weidenrinde jedoch in Vergessenheit. Als wichtigstes Mittel gegen Fieber galt damals die Chinarinde, die durch die Jesuiten Verbreitung gefunden hatte und um 1640 aus Peru über Spanien und Italien nach Europa gekommen war.

.Als nach der 1806 von Napoleon (1769-1821) verhängten Kontinentalsperre die Chinarindenimporte ausblieben, suchte man nach Alternativen und griff auf die volksheilkundlichen Erfahrungen mit der Weidenrinde zurück. 1818 wurde die Weidenrinde in das französische Arzneibuch und in der Folge auch in andere Pharmacopöen aufgenommen.

Die wirksamen Inhaltsstoffe der Weidenrinde

1828 erhielt der Münchner Pharmazieprofessor Johann Andreas Buchner nach alkoholischer Extraktion der Weidenrinde eine gelbliche Masse, die er Salicin nannte. Ein Jahr später wandelte der französische Apotheker Leroux Salicin in eine reinere kristalline Form um. Der italienische Chemiker Raffaele Piria oxidierte im Jahre 1838 an der Sorbonne in Paris Salicin mit Dichromat. Dabei erhielt er neben einem Zucker eine aromatische Substanz (Salicylaldehyd), die er durch Destillation abtrennte und anschließend mit ätzender Pottasche umsetzte. Das Produkt war eine Carbonsäure, die er "Acide salicylice", Salicylsäure, nannte. Die Synthese der Salicylsäure gelang schließlich 1859 dem deutschen Chemiker Hermann Kolbe (1818-1884). Nun konnte Salicylsäure für etwa ein Zehntel des bisherigen Preises angeboten werden, denn zuvor wurde sie durch Hydrolyse von Methylsalicylat (Salicylsäuremethylester) aus dem amerikanischen Wintergrün hergestellt. Die begeisterte Aufnahme als Antipyretikum-Analgetikum und Antirheumatikum hielt jedoch nicht lange an, da Salicylsäure Nebenwirkungen wie einen bittersauren, kratzenden Geschmack, Magenschleimhautreizungen und Neigung zu Ohrensausen aufwies. Auch die Anwendung von Salicylsäure-Salzen (z. B. das 1877 in die Therapie eingeführte Natriumsalicylat) brachte keine Verbesserung.

Man forschte weiter, bis der deutsche Apotheker und Chemiker Felix Hoffmann 1897 in seinem Wuppertaler Labor aus Salicyl- und Essigsäure die viel besser verträgliche Azetyl-Salicylsäure herstellte, die als Medikament unter der Bezeichnung Aspirin® am 6. März 1899 in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin aufgenommen wurde.



Den hell purpurvioletten Blut-Weiderich (Lythrum salicaria) und die über 1 m hohen Spirstauden mit den cremeweißen duftenden Blüten


findet man an Ufern, Gräben, Flachmooren und Sumpfwiesen (wie hier am Foto im Naturschutzgebiet Blinklingmoos in Strobl am Wolfgangsee).
Salicylsäure vollbringt Wunder

Die Bezeichnung Salicylsäure leitet sich von Salix (lat. für Weide) ab, da sie in der Rinde dieses Baumes in besonders großen Mengen vorkommt.

Salicyl-Verbindungen finden sich u.a. auch noch im Mädesüß (Spirstaude, Wiesengeißbart, Wiesenkönigen, Filipendula ulmaria / früher Spiraea ulmaria genannt), in der amerikanischen Teebeere (Gaultheria procumbens, Wintergrün), sowie in den Pappeln als sogenannte Phytoalexine, das sind Stoffe, die Pflanzen vor Krankheiten oder eindringenden Schädlingen schützen.
Salicylsäure (o-Hydroxybenzoesäure) ist auch unter dem Namen Spirsäure bekannt, da sie aus dem Saft der Spiraea ulmaria (Spirstaude, siehe Bild oben) gewonnen werden kann. Von der Bezeichnung Spirsäure leitet sich auch der Markenname ASpirin® ab:
      A(cetyl)-Spir(säure)-in.

ASpirin ® wurde anfangs als Pulver in einer Flasche auf den Markt gebracht. Bald darauf wurde der Wirkstoff jedoch mit Stärke zu Tabletten gepresst. Somit war ASpirin eine der ersten großindustriell hergestellten Tabletten der Welt. ASpirin fand schnell Verbreitung: Während der Grippeepidemien zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es zu einem Volksheilmittel. 1954 entdeckte man die hemmende Wirkung der Acetylsalicylsäure auf die Thrombozytenaggregation.

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