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Blutdruck: neue Richtlinien
 
 
Galten bis jetzt Werte von bis zu 140/90 mm Hg als »noch normal«, muss auf Grund neuer Erkenntnisse jetzt bereits ab einem Blutdruck zwischen 120 und 140 mm Hg von einer »Vor-Bluthochdruck-Phase« gesprochen werden. Dieser neue Begriff hat zum Ziel, Menschen in einer frühen Phase des Bluthochdrucks zu erfassen und die drohende Erkrankung und mit all ihren Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Jeder vierte Österreicher leidet an Bluthochdruck. In Österreich haben ca. 28% der männlichen und 26% der weiblichen Einwohner einen Blutdruck über 140/90 mm Hg.

Obwohl in Umfragen fast 100% der Bevölkerung den Hochdruck als ernste Erkrankung bezeichnen, kennen nur 50% der Befragten ihren eigenen Blutdruckwert.

Dieser Prozentsatz hat in den letzten Jahren sogar noch leicht abgenommen. Man kann daher davon ausgehen, dass mindestens jeder zweite Bluthochdruckpatient (Hypertoniker) in Österreich nicht erkannt wird. Das bedeutet also, dass von den 2 Millionen vermuteten österreichischen Hypertonikern nur rund 1 Million von ihrer Erkrankung weiß.

In den USA wissen immerhin rund 70% der Betroffenen über ihre Hypertonie Bescheid.

Um dieses Defizit zu beheben, empfiehlt die Österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie die Blutdruckselbstmessung. Allerdings reicht eine einzige Messung allein nicht aus, um eine aussagekräftige Diagnose stellen zu können. Denn der individuelle Blutdruck ist starken physiologischen Schwankungen unterworfen, je nach Tageszeit.

»Einen Herzschlag voraus«

Die Statistik der damit zusammenhängenden Herz-Kreislauferkrankungen in Österreich ist dramatisch: Jeder Zweite erkrankt und stirbt letztendlich daran. Bis zum 60. Lebensjahr sind Männer häufiger davon betroffen. Doch in der Menopause, durch die Reduktion der weiblichen Hormone, ist der »Gefäßschutz« der Frauen nicht mehr ausreichend vorhanden. Die Folge: Beide Geschlechter sind nun gleich oft davon betroffen. Häufig führen Herz-Kreislauferkrankungen auch zu chronischen Krankheitsverläufen mit Verlust an Lebensqualität. Geographisch gibt es in Österreich ein Ost-West-Gefälle: Die Zahl der Erkrankungen steigt von West nach Ost an.

Gefäße und Organe unter Dauerdruck

Kurzzeitig erhöhte Blutdruckwerte bei Anstrengung oder Aufregung sind normal, dauernd erhöhte Werte krankhaft. Gefäße und Organe, die unter erhöhtem Druck stehen, versuchen in den ersten Jahren durch einen Umbau und eine Verstärkung der Gefäßwand dem hohen Blutdruck standzuhalten. Dies gelingt jedoch nicht auf Dauer. Bei chronisch erhöhtem Druck kommt es zu schweren Gefäßveränderungen (Atherosklerose) aller arteriellen Gefäße und einer Verdickung der Herzwand. Dies führt bei Nichtbehandeln oft zu Herzinfarkt, Herzschwäche, Gefäßverschlüssen, Nierenversagen und Schlaganfall.

Nicht ausreichend behandelt

Doch selbst von jenen, bei denen die Diagnose Hypertonie bereits gestellt wurde, wird nur ein Drittel einer Behandlung zugeführt. Und hier wird die Therapie wiederum nur bei 10% der Betroffenen so konsequent durchgeführt, dass auch tatsächlich normotone Werte nach alter Definition (unter 140/90 mm Hg) erreicht werden.

Galten früher Werte von 140/90 als »noch normal«, wird auf Grund der neuen Erkenntnisse für diesen Bereich nun der Begriff der »Prähypertension«, also der »Vor-Bluthochdruck-Phase« eingeführt.

Dieser neue Begriff hat zum Ziel, Menschen in einer frühen Phase der Hypertonie zu erfassen und die drohende Hypertonie-Erkrankung und mit all ihren Folgen wie Schlaganfall, Herzinfarkt rechtzeitig in Griff zu bekommen. Und zwar nicht durch eine medikamentöse Therapie, sondern durch eine Lebensstiltherapie.

Es wird in Zukunft also zwar früher als bisher etwas unternommen werden müssen, dafür wird nicht gleich medikamentös therapiert, sondern die Lebensstiländerung steht an erster Stelle und begleitet die Therapie bei allen Hypertonikern.

Bluthochdruck – eine Form der Fettkrankheit?

Der durch das so genannte Metabolische Syndrom – bauchbetonte Fettleibigkeit, Adipositas, Blutfetterhöhung mit v.a. hohen Triglyzeriden und niedrigem HDL-Cholesterin, Blutzuckerstoffwechselstörung – verursachte Bluthochdruck ist die verbreitetste Hypertonieform überhaupt.

Daher kann nach heutigem Wissensstand davon ausgegangen werden, dass Bluthochdruck – ähnlich wie Diabetes mellitus – eine Fettstoffwechselkrankheit auf Basis des Metabolischen Syndroms ist.

Kurz gesagt: Bluthochdruck ist meist eine Wohlstandskrankheit!

Grenzwerte der neuen Richtlinien

Lifestyle-Syndrom Bluthochdruck

Bisher gestaltete sich die therapeutische Vorgehensweise beim Metabolischen Syndrom wie folgt:

Bei Adipositas, also krankhaftem Übergewicht, wird eine Lebensstiländerung, die zur Gewichtsreduktion führt, empfohlen,

bei Diabetes und erhöhten Blutfettwerten wird zuerst eine Lebensstiländerung (drei monatige fettarme Diät) empfohlen, und falls keine Besserung auftritt, wird medikamentös behandelt,

nur bei einem Symptom, nämlich der Hypertonie, wird sofort medikamentös behandelt, so als ob eine Lebensstiländerung bei Hypertonie so gut wie gar nichts brächte.

Doch man weiß nun, dass die Hypertonie stark mit dem Körperfettanteil und der viszeralen (bauchbetonten) Fettverteilung zusammenhängt. Wer also zum »Apfeltyp« gehört und seine »Reservetanks« in Schwimmreifenform um den Bauch trägt, hat ein deutlich höheres Risiko an Herz-Kreislaufkrankheiten zu erkranken als der »Birnentyp«, der die typisch weiblichen, hüftbetonten Fettpolster trägt.

Prähypertension

Auf Grund der Einführung einer prähypertensiven Phase zwischen 120 und 140 mm Hg wird in Zukunft zwar früher als bisher interveniert werden müssen, aber nicht gleich pharmakologisch, also mit Arzneimitteln, sondern mit der Empfehlung einer Lebensstiländerung. Diese soll in Zukunft auch die Therapie aller Hypertoniker – also auch jener, die medikamentös behandelt werden – begleiten.
        Bluthochdruck früher erkennen (Prähypertension)

        Auf Bluthochdruck früher und effizient reagieren (mit einer Lebensstiländerung) und – bei fehlendem Erfolg – rechtzeitig mit Arzneimitteln behandeln

        Je früher die Hypertonietherapie einsetzt, desto mehr kann erreicht werden

        Außerdem ist die Einbindung aller Risikofaktoren erforderlich

Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak, Adipositasforscher und Lipidologe, Medizinische Universitätsklinik Graz, Vizepräsident des Lipidforums austriacum

Prim. Univ.-Prof. Dr. Gert Mayer, Nephrologe, Universitätsklinik Innsbruck, Präsident der österreichischen Hypertonie-

gesellschaft, Mitglied des Lipidforums austriacum

Prim. Univ-Doz. Dr. Otto Traindl, Kardiologe und Nephrologe, Schwerpunkt-

krankenhaus Mistelbach, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Primärprävention der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, Mitglied des Lipidforums austriacum



Lebensstiländerung
Wiedererlangen des normalen Körpergewichts5–20 mm Hg/ 10 kg Gewichtsverlust
fettarme Ernährung + Gemüse, Obst8–14 mm Hg
Natrium(=Salz)reduktion2–8 mm Hg
körperliche Aktivität4–9 mm Hg
Alkoholkonsum einschränken (nicht mehr als 2 Drinks/Tag)2–4 mm Hg

Tabelle 2: Lebensstiländerung und ihre Effekte

Was kann man nun bei Bluthochdruck tun? Lesen Sie darüber in der nächsten Ausgabe der DA.


Mag. Monika Heinrich

Quelle und mehr darüber: "DIE APOTHEKE" September 2003