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Nandrolon als Dopingmittel ?
 
Nahrungsergänzungsmittel manchmal falsch deklariert oder mit Spuren der verbotenen Substanz verunreinigt
 
Der alpine Ski-Rennsport wird wieder von einer Doping-Diskussion erschüttert. Hans Knauß, Olympia-Zweiter im Super-G 1998 sowie einmal WM-Zweiter (2003/Super-G) und WM-Dritter (1999/Riesenslalom), war nach seinem vierten Rang bei der Abfahrt am 27. November 2004 im kanadischen Lake Louise getestet worden. Die Doping-Probe hatte einen zu hohen Nandrolonwert: gemessen wurden 4,2 Nanogramm, erlaubt sind nur 2,5 Nanogramm Nandrolon. Am 12. 1. 2005 wurde vom Internationalen Skiverband (FIS) bestätigt: Auch die B-Probe des Steirers ergab einen positiven Befund. Für den ÖSV steht praktisch fest, dass ein - von Knauß privat konsumiertes - kontaminiertes Nahrungsergänzungsmittel der Auslöser war.

Für die ÖSV-Alpinen ist es der zweite "Dopingfall" im Jahr 2004.

Im April war ein positiver Dopingtest von Rainer Schönfelder aufgetaucht, der Kärntner hatte wegen einer Verkühlung ein vermeintlich erlaubtes Mittel eingenommen, das allerdings die verbotene (stimulierende) Substanz Etilefrin enthalten hatte.

Der Dopingfall Knauß bringt die Substanz Nandrolon erneut in die Schlagzeilen. Nandrolon ist ein anaboles Steroidhormon, das vor allem für den Muskelaufbau missbraucht wird. Anabolika leiten sich prinzipiell vom männlichen Geschlechtshormon Testosteron ab. Nandrolon, das im Gegensatz zum Testosteron in C-19 Position des Ringsystems keine Methylgruppe aufweist (deshalb auch "19-Nortestosteron" genannt) wurde bereits 1950 synthetisiert. Als Arzneimittel wird Nandrolon nur in Form eines Esters intramuskulär injiziert, z.B. als Nandrolondecanoat. Der Grund hierfür ist, dass nach oraler Gabe Nandrolon über den Darm direkt in die Leber (first pass-Effekt) gelangt und dort fast vollständig zu nicht wirksamen Metaboliten abgebaut wird.

Doping mit Nandrolon in Form von Injektionspräparaten ist mit der Dopinganalytik sehr lange nachweisbar, unter Umständen bis zu einem Jahr. Orale Präparate von Nandrolon sind aber aufgrund des first pass-Effekts nicht effektiv und deshalb als therapeutische Mittel nicht auf dem Markt. Dagegen sind als orale anwendbare Substanzen sogenannte Vorhormone (Pro-Hormone) von Nandrolon wie 4-Norandrostendion, 4-Norandrostendiol und 5-Norandrostendiol als Nahrungsergänzungsmittel in Amerika und anderen Länder im Handel. (Anmerkung: In den USA sind Pro-Hormone als Nahrungsergänzungsmittel definiert und können im Supermarkt gekauft werden.)

Qualitätskontrollen nicht ausreichend.

Nach einer Untersuchung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im April 2002 enthielten 94 von 634 getesteten "nicht hormonellen Nahrungsergänzungsmitteln" (NEM) Spuren von Nandrolon und/oder Testosteron - ihre Einnahme hätte zu positiven Dopingtests geführt. Diese Nahrungsergänzungsmittel sind entweder falsch deklariert oder mit Spuren der verbotenen Substanz verunreinigt, was in der Regel darauf zurückzuführen ist, dass die Qualitätskontrollen bei den Herstellern nicht ausreichend sind.

Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel.

Ein Arzneimittel muss hohe wissenschaftliche Anforderungen in Bezug auf Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erfüllen. Ein Nahrungsergänzungsmittel hingegen kann auch ohne gewissenhafte qualitative Überprüfung auf den Markt gebracht werden, und nicht immer ist auch wirklich "das drin, was draufsteht“.