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Es gibt etwas Traurigeres als alt werden
 
Geriatrie
 
In den kommenden Jahren wird die österreichische Bevölkerung deutlich altern. 1923 waren erstmals mehr als 10 Prozent der Bürger über 60 Jahre, zu Beginn der 70er-Jahre waren es bereits ca. 20 Prozent und Prognosen gehen davon aus, dass bis 2035 bereits 35 – 38 % aller Österreicher älter als 60 sein werden. Das Altern ist in unserer Gesellschaft jedoch ein Prozess, der – wie es scheint - um jeden Preis bekämpft und aufgehalten werden müsse. Jede Falte, jedes graue Haar gilt als Niederlage, der Weg ins Graue wird auf diese Weise zu einem Weg ins Grauen, wo Krankheit und Tod lauern. Es ist ein negatives Altersbild entstanden, ja selbst das Vokabel „alt“ wird gemieden und durch Best Age, 50+ oder Graue Panther ersetzt.

Dass „alt“ aber keinesfalls immer negativ besetzt war, belegt ein Rückgriff auf die etymologische Bedeutung des Wortes, das sich von der indogermanischen Wurzel ,al-‘ ableitet, was soviel wie wachsen, nähren, wachsen machen bedeutet. Auf dieses wachsen im Sinn von altern spielt auch der italienische Schriftsteller Cesare Pavese (1908 -1950) an. Er schreibt: „Es gibt etwas Traurigeres als alt werden, und das ist: Kind bleiben.“

Alt sein ist auch keine Krankheit, die Definition ist jedoch abhängig von unserem Konzept von Gesundheit oder Gesundsein. In der Antike, in der Zeit von Hippokrates spielte die Idee des Gleichgewichts, des inneren Gleichgewichts der Säfte, aber auch des Maßhaltens eine entscheidende Rolle. Krankheit war ein Ungleichgewicht. Auch für die chinesische Medizin ist die Balance z. B. von Yin und Yang das übergreifende Konzept von Gesundsein, - und dementsprechend ist die chinesische Medizin weitgehend eine präventive, diese Balance ständig wiederherstellende. Von da ist es ein weiter Weg bis zur heutigen Definition der WHO, die Gesundheit als die Abwesenheit jeder körperlichen, psychischen oder sozialen Beeinträchtigung definiert - mit praktischen Folgen, die wir täglich in der Diskussion über die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitswesens zu spüren bekommen. Physische Veränderungen, die früher als ganz normal galten, werden zu behandelbaren Krankheiten umfunktioniert. Der Spielraum des Hippokratischen Gleichgewichts verengt sich immer stärker, das Ziel ist der optimale Mensch, nicht nur der gesunde.