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Geschichte der Urologie
 
Vom Jahrmarkt zur Wissenschaft
 
Die Urologie umfasst "die Erkennung, Behandlung, Prävention und Rehabilitation der urologischen Erkrankungen, der Fehlbildungen und Verletzungen des männlichen und weiblichen Urogenitalsystems aller Altersgruppen einschliesslich der Erkrankungen der Nebenniere, der Urogenital-Tuberkulose und der Andrologie", lesen wir in einer modernen Definition zur Ausbildung zum Facharzt.

Obwohl seit Jahrhunderten in Anwendung, ist die Urologie als spezialisierte Fachrichtung verhältnismäßig jung. 1867 wurde die erste Urologische Klinik im Neckar-Hospital in Paris durch Felix Guyon (1831-1920) eröffnet, genau vor hundert Jahren, 1902, wurde als eine der ersten Fachgesellschaften die American Urological Association (AUA), 1906 die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU), 1912 die Berliner Urologische Gesellschaft und erst 1919 die Wiener Urologen Gesellschaft (die spätere ÖGU) gegründet.

„Urologen“ gab es bereits im frühesten ägyptischen Mittelalter, Rezepte zur Behandlung von Erkrankungen der Harnorgane finden sich bereits im Papyrus Ebers (um 1500 v.Chr.). Bei Obduktionen von Mumien fanden Wissenschaftler in über 4000 Fällen Nieren- und Harnblasensteine. Wie die Ägypter pflegten auch die Hebräer die rituelle Beschneidung und es gibt Hinweise, dass damals auch schon Blasensteinoperationen versucht wurden. Im alten Indien sind im Ayurveda (Sanskrit; „Ayu“ = Leben, „Veda“ = Wissen) etwa 5000 v. Chr. bereits „verknotete Harnwege“ beschrieben worden. In Persien war man am fortschrittlichsten, dort wurden schon in uralter Zeit Katheter eingelegt und der Dammschnitt praktiziert. Vom Erfahrungswissen zur Wissenschaft war es aber ein weiter und beschwerlicher Weg.

Die Urologie hat zwei Wurzeln: die Harnschau und den Steinschnitt.

Die Harnschau oder Uroskopie war über Jahrhunderte die beherrschende urologische Tätigkeit. Bereits in Mesopotamien und im Ägyptischen Reich gepflegt, besaß sie im gesamten Mittelalter höchstes Ansehen. Aus Farbe und Konsistenz des Harns wurde in Fortsetzung der Säftelehre Galens auf Krankheiten geschlossen. Das kolbenförmige Harnglas, die Matula, wurde zum Standessymbol der Ärzteschaft und tauchte in nahezu jeder Darstellung eines Mediziners ab dem Mittelalter auf.

Seit der Gründung der ersten Universitäten im Hochmittelalter war die Chirurgie mit der Anatomie auf einem Lehrstuhl zusammengefasst, wurde jedoch nur theoretisch gelehrt, das heißt, die Professoren lasen aus den Schriften der klassischen Autoren ohne selbst praktisch tätig zu sein. Sie lehnten es ab, Steine, Hernien, den grauen Star und die Zähne zu behandeln. Während die gelehrten Ärzte ganz im Theoretisieren aufgingen, übernahmen die chirurgisch-praktischen Aufgaben die Starstecher, Steinoperateure, Theriakverkäufer, Quacksalber und sonstige Heiler. In ganz Europa traf man auf diese vagabundierenden Vertreter der Heilberufe, die ihr Handwerk zumeist auf öffentlichen Plätzen und Jahrmärkten kunstvoll ausführten.

Franz Anton Maulbertsch
Der Quacksalber (Radierung 1785)
Dabei war der Scharlatanie Tür und Tor geöffnet, so ist beispielsweise 1550 ein Hans von Thurn aktenkundig, der den „Blasenstein“ verborgen in der Hand hielt und nach der fiktiven Operation dem staunenden Publikum präsentierte. Viele seiner fahrenden Berufskollegen waren aber nicht nur besser als ihr Ruf, sondern hervorragende Spezialisten. So geht etwa das bekannte Volkslied „Ich bin der Doktor Eisenbart“ auf eine interessante medizinhistorische Persönlichkeit zurück, Johann Andreas Eisenbart (1663 – 1727) zog in seinen besten Jahren mit einem Tross von 120 Personen, darunter Komödianten, Seiltänzern, Musikanten und chirurgischen Gehilfen durch das Land und bewies auch bei komplizierten Operationen seine Geschicklichkeit.
In der Renaissance bekam die Anatomie auf den Universitäten Auftrieb, nicht zuletzt durch den Buchdruck und die Vervielfältigung von Abbildungen. Leonardo da Vinci (1452 – 1519) ist unter anderem ein genialer Wegbereiter auf diesem Gebiet, seine anatomischen Skizzen sowie das 1543 von Andreas Vesal (1514 – 1564) herausgegebene Werk mit dem Titel „De corporis humani fabrica“ haben viel zur Verbreitung der neuen anatomischen und physiologischen Erkenntnisse beigetragen. Aber erst im 18. Jahrhundert gelang es, Chirurgie und Urologie gründlich umzugestalten, jetzt ist der Übergang vom Handwerk zur Wissenschaft. Prof. Dr. med. Lorenz Heister (1683-1758), der in gewisser Hinsicht als Schüler Eisenbarts bezeichnet werden kann, gilt als einer der Väter der wissenschaftlichen Chirurgie. Heister war als Student bei mehreren Operationen Eisenbarts anwesend und beschloss, zuerst die handwerkliche Chirurgie zu erlernen, und dann Medizin zu studieren: Er wurde Professor für Anatomie und Chirurgie und schilderte 1753 die mustergültigen Operationsmethoden Eisenbarts in seinem Buch „Medicinische Chirurgische und Anatomische Wahrnehmungen“ ausführlich.

Doch die unbesiegbaren Infektionen bremsten den Fortschritt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Aufschwung: Man entwickelte Narkosetechniken: Well entdeckte 1846 das Lachgas für die Anästhesie, Morton noch im selben Jahr den Äther und Liebig 1831 das Chlorophorm, das allerdings erst 1847 als Narkosemittel verwendet wurde. Nach erfolgreichem Kampf gegen die Mikroben (seit Pasteur Antiseptik und Aseptik) kam es zur Revidierung der Operationsmethoden und Instrumente.

Das Endoskop aus Wien

Es war Philipp Bozzini, dem es 1806 erstmals gelang, mit seinem "Lichtleiter" in verschiedene Körperhöhlen hineinzuschauen. An der 1785 eröffneten medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie in Wien, wurde dieses, durch eine Kerze beleuchtete Gerät tatsächlich zur Rektoskopie und Kolposkopie, zuerst an Leichen, dann an Lebenden mit Erfolg geprüft. Eine besonders feine Kanüle sollte sogar zum Einlegen in die Harnröhre verwendet werden. Bozzinis früher Tod unterbrach jedoch die vielversprechenden Versuche. Sein Werk geriet zunächst in Vergessenheit. Der französische Arzt Antonin J. Desormeaux nahm ca. 50 Jahre später die Erfindung Bozzinis wieder auf und entwickelte den Lichtleiter weiter; die Kerze ersetzte er durch die deutlich heller brennende Beleuchtung einer Brennstoffmischung aus Alkohol und Terpentinöl. Sein Instrument „mit dem die verstärkte Sehkraft der Behandlung von Harnröhrenleiden nutzbar gemachtr werden kann“ fand rasch Anklang und wurde seit 1853 in größerer Stückzahl gebaut. Auf Grund seines Erfolges ging Desormeaux als "Vater der Endoskopie" in die Medizingeschichte ein. Konstruktionszeichnungen des Bozzinischen Lichtleiters befinden sich heute in dem 1996 eröffneten Endoskopie-Museum am Institut für Geschichte der Medizin im Josephinum in Wien, also genau dort, wo die Versuche mit diesem Gerät im Dezember 1806 und im Jänner 1807 unternommen wurden.

Das 20. Jahrhundert brachte beispiellose Erfolge, wie Antiseptik und Aseptik, neue Operationstechniken und neue Instrumente sowie die Entdeckung der Sulfonamide und Antibiotika. Die Einführung der Röntgentechnik, die Kontrastmitteldarstellung sowie die Sonographie, Computertomographie und Kernspintechnik haben zusammen mit den großartig erweiterten endoskopischen Möglichkeiten die Urologie entscheidend verbessert. Uroskopie findet heute dank modernster chemischer und physikalischer Analysemethoden in Speziallabors statt und hat eine gewandelte Aussagekraft für die Diagnostik des Urologen. Aus den Nachfahren der Steinschneider sind Spezialisten für hochwertige technische Operationen geworden. Das junge Fachgebiet hat sich die moderne Technik früh zunutze gemacht.

Anfang der 80er Jahre wurde die berührungsfreie Nierensteinzertrümmerung (ESWL = Extrakorporale Stoßwellen Lithotrypsie) entwickelt, Kryochirurgie, Hyperthermie, therapeutische Bestrahlung bis zur Behandlung mit radioaktiven Isotopen sind gleichfalls im täglichen Einsatz. Auf diese Weise sind heute Krankheiten, die noch vor wenigen Jahren fatal waren, heilbar.

Urologische Erkrankungen zeigen eine steigende Inzidenz und Prävalenz. Das Prostatakarzinom avanciert zur häufigsten Krebsart des Mannes und die erektile Dysfunktion tritt aus dem Tabu-Schatten. Harninkontinenz ist ein sehr weit verbreitetes Leiden. Schätzungen gehen davon aus, dass jede 4. Frau und jeder 10. Mann im Laufe des Lebens von diesem Problem betroffen sind. Wechseljahre und Hormon-Mangel sind nicht nur Sache der Frau - wie Mann früher dachte. All das sind Gebiete der Urologie mit vielen erfolgversprechenden Therapien mit neuen und verbesserten Arzneimitteln. Darüber hinaus liegen für viele Phytopharmaka Neubewertungen vor. Und vermehrt werden Apotheker um Rat und Hilfe bei urogenitalen Infektionen gefragt, aber selbst über moderne chirurgische Techniken muss man informiert sein, denn die Patienten erwarten auch auf diesem Gebiet einen kompetenten Gesprächspartner. Deshalb hat der Fortbildungsbeirat das Thema Urologie für die Zentrale Fortbildungstagung der Österreichischen Apothekerkammer in Salzburg und Wien ausgewählt. Die Urologie, früher als sogenanntes „kleines chirurgisches Fach“ bezeichnet, bietet eine Reihe von interessanten Themen für die Praxis in der Apotheke.