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Europas Gesundheitssysteme und die Zukunft der Apotheker
 
Mag.pharm.Thomas von Künsberg-Sarre (Dornbirn) nimmt am Europatreffen teil
 
Die Verantwortung der Apotheker in den Gesundheitssystemen der EU, Vertriebswege von Arzneimitteln und die Ausbildung der Pharmazeuten, das sind die zentralen Themen der Strategiekommission „Zukunft des Apothekerberufes“ der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Mitte Februar 2002 trafen sich in Straßburg Apotheker aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und den Niederlanden, um Informationen zur gesundheitspolitischen Situation in ihren Ländern auszutauschen. Eckpunkte der Diskussionsergebnisse unter Leitung von Dr. Hartmut Morck wurden im ‚Straßburger Papier‘ festgehalten. Sie dienen drei Arbeitsgruppen zur Ausarbeitung von detaillierten Vorschlägen.

Das Treffen der Apotheker in der Europastadt machte eines sehr deutlich. Deutschland steht nicht allein vor der Aufgabe, sein Gesundheitssystem zukunftsfähig zu gestalten. Auch andere Länder sehen sich einem steigenden Ausgabendruck durch demographische Alterung, wachsende Ansprüche und den medizinisch-technischen Fortschritt gegenüber. Die Gesundheitspolitik wird dabei überwiegend durch eine Kostendämpfungsdebatte bestimmt. Die Europäische Union selbst kann in dieser Auseinandersetzung nicht federführend sein. Sie hat nur ein eingeschränktes gesundheitspolitisches Mandat. Direkt eingreifen darf sie nur in Belange, die die öffentliche Gesundheit betreffen. Diese fand 1993 im Vertrag von Amsterdam offiziell Eingang in die Europapolitik. Acht Aktionsprogramme legte die EU-Kommission seither auf, für die sie in den vergangenen fünf Jahren knapp 225 Millionen Euro aufwendete: Programme gegen Aids und Krebs, zur Suchtprävention, zur Gesundheitsförderung und zur Verhütung von Verletzungen, Programme gegen seltene und umweltbedingte Krankheiten sowie eines zur Gesundheitsberichterstattung. MKS und BSE, aber auch länger zurückliegende Krisen wie die Skandale um HIV-verseuchte Blutprodukte, verdeutlichen, dass gerade in den Bereichen des Gesundheits- und Verbraucherschutzes ein europaweites Vorgehen sinnvoll ist. Die Diskussion um ein gemeinsames europäisches Gesundheitssystem hatten 1998 zwei Urteile des Europäischen Gerichtshofes intensiviert. Die Luxemburger Patienten Kohll und Decker hatten geklagt, weil ihre Krankenkassen im Ausland erbrachte Leistungen, eine Zahnbehandlung sowie eine Brille nicht bezahlen wollten. Die Kläger bekamen Recht. Die Kassen mussten zumindest den Betrag erstatten, den die jeweilige Leistung im Heimatland kostet. Schließlich sorgte auch die Frage der Anwendbarkeit der sogenannten E-Commerce-Richtlinie des Europäischen Parlaments auf die Heilberufe für Diskussionen. Es gibt vielfältige drängende und spannende Themen, um über Europas Gesundheitssysteme und die Zukunft der Apotheker zu konferieren.

Ausgabendruck – Apotheker bieten Lösungen
In der Diskussion um Einsparungen in den jeweiligen Ländern sahen die Teilnehmer der Straßburger Tagung eine Lösung in der Trennung von Pflicht- und Wahlleistungen. Dabei sei ein ‚demographieresistentes System‘ zu entwickeln, das eine Kapitaldeckung auf der Einnahmenseite einbezieht. Ein Teil der Arzneimittelversorgung würde dann der Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen überlassen bleiben. Wichtig sei dabei, wer den Katalog mit Indikationsgebieten, die in Basis- und Wahlleistungen aufgeteilt sind, erarbeiten werde. Hier seien die Apotheker einzubinden, so die einhellige Meinung der Teilnehmer. Weitere Lösungsmöglichkeiten wurden darin gesehen, sich nur auf krankheitsspezifische Risiken zu beschränken und nicht krankheitsbedingte Leistungen (Fremdleistung) auszuschließen. Sozial- und familien-politische Aufgaben seien nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung einzubeziehen.

Mehr Verantwortung gefordert
Die Antworten auf die Frage, wie Apotheker entsprechend ihrer Ausbildung und ihrem Selbstverständnis als Arzneimittelfachleute mehr Verantwortung übertragen bekommen können, waren vielfältig. Die Ausweitung von Aut-idem-Verordnungen ist in diesem Zusammenhang nur eine, aber eine entscheidende Forderung. Die Apotheker seien dem Gremium zufolge stärker in die Arzneimitteltherapieberatung und Arzneimittelauswahl einzubinden. Unabhängige Apothekerteams sollen als Berater Ärztenetze in der Arzneimitteltherapie unterstützen. Darüber hinaus seien die Screening- und die Präventionsberatung auszubauen. Bei der Prävention müsse sich der Apotheker als Vertragspartner der Krankenkassen anbieten. Durch frühzeitige Gesundheitserziehung könnten Krankheitszeiten, wenn nicht völlig verhindert, so doch ins Alter verschoben oder verkürzt werden. Diskutiert wurde dabei auch darüber, dass der Patient wie bei der Regelung im zahnmedizinischen Bereich bei regelmäßigen Vorsorgekontrollen eine Erstattung von Beiträgen als Bonus erhält. Im Rahmen der Vorsorge sei auch an die Einführung von Schulapothekern zu denken.
Auf der Selbstverwaltungsebene seien regionale Gesundheitskonferenzen einzurichten. Hier könnten dann auch Arzneimittel-Listen erarbeitet werden, wodurch der Apotheker für die Pharmazeutische Industrie ein sehr interessanter Partner wäre, da er zum Kreis der Entscheider gehören würde. Das Gremium war sich darüber einig, dass in Zukunft nicht alle Apotheken alle pharmazeutischen Tätigkeiten leisten können (Spezialrezepturen, Zytostatikaherstellung usw.). Daher wurden Schwerpunktapotheken befürwortet. Zertifizierte Fortbildungen sollen eingeführt bzw. ausgebaut werden. Damit wird über ein Honorierungsmodell der Dienstleistungen der Apotheker nachgedacht. Die Kopplung des Apothekenertrages nur an das Arzneimittel solle langfristig durch ein gemischtes System des Aufschlags und des Honorars abgelöst werden. Der Apotheker müsse Budgetverantwortung anstreben.

Ausbildung soll auch Eigeninitiative und Kreativität fördern
Die derzeitige Ausbildung der Pharmazeuten schaffe kein Bewusstsein bei den Studierenden, in der Praxis eigenverantwortlich Problemlösungen zu erarbeiten. Das betonte LAK-Geschäftsführer Baldur Kohm. Durch das verschulte System mit Staatsexamen werden weder Eigen-initiative noch Kreativität bei Lösungswegen gefördert. „Pharmazeutische Probleme erkennen und Lösungswege aufzeigen, können nur Menschen, die damit während des Studiums konfrontiert wurden und es aktiv trainiert haben“, so Kohm. Das Gremium sprach sich dafür aus, dass das Studium dringend in eine liberalere Form gebracht werden müsse. Im Rahmen der Ausbildung müssen die angehenden Apotheker eingeständiges wissenschaftliches Arbeiten und problemlösendes Denken erlernen. Eine Diplomarbeit könnte in diesem Zusammenhang das Studium sinnvoll ergänzen. Einem Grundstudium solle eine freier als bisher gestaltete Studiumsmöglichkeit, auch mit Spezialisierungsangeboten, folgen. Praktisch tätige Apotheker müssen in wesentlich größerem Umfang als bisher in die Ausbildung einbezogen werden. Es seien erweiterte Möglichkeiten für Wahlfächer und Spezialisierung zu schaffen. Anstelle eines starren, jahrelang festgeschriebenen Fächerkatalogs sei ein Diplomstudiengang anzustreben, der flexibler und aktueller gestaltet werden könne. Es seien auch Maßnahmen einzuleiten, die das Berufsbild für männliche Studienbewerber attraktiver macht. Die Universitäten wurden aufgefordert, Studienplätze, die nicht mehr angenommen werden (etwa im Fach Chemie) in Studienplätze für Pharmazie umzuwandeln. Die zu-ständigen Ministerien sollen verstärkt in dieser Richtung angesprochen werden.

12 von 15 EU-Staaten lehnen Medikamentenversand ab
Europas Politiker setzen mit Unterstützung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien durch Electronic Commerce auf neue Chancen für Wettbewerb, Wachstum und Beschäftigung. Während versanderfahrene etablierte Handelsunternehmen wie Quelle und Otto gegenwärtig als die aus-sichtsreichsten Wettbewerber im E-Commerce gelten, stellt sich für die Apotheker die Frage, welche Bedeutung die Förderung des elektronischen Handels für Apotheken haben wird. E-Commerce gibt es bereits in einigen wenigen Ländern der Europäischen Union: Dänemark, den Niederlanden, Irland und Großbritannien. Beispiele: Niederlande („0800DocMorris N.V“, „Apothuis B.V“, „Phaona“), Großbritannien („Pharmacy2U Ltd.“) und Irland („VivaNova Ltd“). Auch die Schweiz setzt mit der „MediService AG“ auf Versandhandel. Von der Möglichkeit der nationalen Regelung im Sinne eines Versandhandelsverbotes machen jedoch 12 von 15 EU-Staaten Gebrauch. In Deutschland hat sich die Diskussion um den Versandhandel mit Arzneimitteln intensiviert, seitdem Anfang Juni 2000 die niederländische Versandapotheke DocMorris startete. Fünf Internet-Apotheken haben sich einige Monate später zu einer Organisation unter dem Namen „European Association of Mail Service Pharmacies“ zusammengeschlossen. Die Teilnehmer der Straßburger Tagung sprachen sich für mehr Wettbewerb aus. Allerdings solle dieser nach festen Regeln und zu gleichen Bedingungen verlaufen. Versandhandel wurde mehrheitlich als Rosinenpickerei abgelehnt. Betont wurde, dass das Internet als Kommunikations- und Informationsmedium nicht in Frage gestellt werden dürfe. Für die Erarbeitung detaillierterer gesundheitspolitischer Vorschläge zur Zukunft der Apotheker in den jeweiligen Gesundheitssystemen werden sich demnächst drei Gruppen bilden. Je ein Gruppe wird sich um die Frage nach mehr Verantwortung der Apotheker in den Gesundheitssystemen der EU, um die Vertriebswege von Arzneimitteln und die Ausbildung der Pharmazeuten kümmern.

Teilnehmer aus Österreich:
Mag.pharm.Thomas von Künsberg-Sarre, Dornbirn

(10/2002)