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Jeder Zweite nimmt Medikamente falsch ein
 
Die Folgen der Non-Compliance sind gewaltig
 
Um eine optimale Arzneimitteltherapie gewährleisten zu können, müssen formal mindestens drei Voraussetzungen erfüllt sein:

Arzneimittel müssen

  • vorhanden und
  • verfügbar sein, vor allem müssen sie
  • richtig angewendet werden.
Für die Industrienationen stellt die korrekte Anwendung der Arzneimittel das größte Problem dar. Bei richtiger Diagnose und optimalem Therapieplan kann der Therapieerfolg drastisch reduziert sein, wenn der Patient das Arzneimittel nicht richtig anwendet.

Wenn verordnete Arzneimittel also nicht den gewünschten Therapieerfolg bringen, ist oft die fehlende Compliance des Patienten als Grund dafür anzuführen. Compliance in der Arzneitherapie, so nennt man das Ausmaß, in dem das Verhalten des Patienten bezüglich der Einnahme seines Medikaments mit dem medizinischen Rat übereinstimmt.

Die Non-Compliance ist kein neues Phänomen, schon im antiken Griechenland wird an der Therapietreue der Patienten gezweifelt. Hippokrates (ca. 460 - ca. 375 v. Chr.) wird folgende Aussage zugeschrieben: "Der Arzt soll sich immer bewusst sein, dass Patienten lügen, wenn sie behaupten, dass sie eine bestimmte Medizin eingenommen haben." Die Folgen der Non-Compliance wirken sich nicht nur in einer suboptimalen Behandlung aus, sondern sie verursachen auch gewaltige Kosten im Gesundheitssystem.

Die Fehlerquellen sind vielfältig: Patienten nehmen keine oder die falschen Medikamente, sie nehmen die richtigen Medikamente in zu kleinen oder zu hohen Dosen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass sich jeder zweite Patient nicht an Beipackzettel oder ärztliche Anweisungen hält (siehe "Probleme bei der weltweiten Versorgung mit Medikamenten"). Für Deutschland hat die Arbeitsgemeinschaft "Medizin und Rehabilitation" die möglichen Konsequenzen eines derart leichtsinnigen Verhaltens errechnet: Die Experten gehen davon aus, dass im Nachbarland jede vierte Krankenhauseinweisung und viele Todesfälle - alleine mehr als 40.000 pro Jahr in der Indikation „Herz- und Kreislauf“ - auf eine falsche Anwendung von Medikamenten zurückzuführen sind.
Ein großer Teil dieser Schäden entsteht durch menschliches Fehlverhalten: Viele Patienten passen die regelmäßige Arzneianwendung an ihr aktuelles Befinden "nach Gefühl" an: Dosierungen werden verringert oder heraufgesetzt, Therapieschemata werden abgewandelt, Behandlungen werden ganz unterbrochen. Ärzte und Apotheker sind daher gleichermaßen gefordert, Patienten während der Behandlung helfend zu begleiten. Pharmaceutical Care, auf Deutsch Pharmazeutische Betreuung, ist die Umschreibung eines Konzepts, das das Wissen und die Fähigkeiten der Apotheker in die Arzneimitteltherapie - zur Förderung der Compliance - einbezieht.

Literaturempfehlung:
Compliance in der Arzneitherapie

Von der Non-Compliance zu pharmazeutischer und medizinischer Kooperation
Von Dr. Dr. Hubert O. Heuer, Frankfurt a.M., Apothekerin Sabine H. Heuer, Schwabenheim, und Dr. Kirsten Lennecke, Sprockhövel
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1999, ISBN 3-8047-1683-0.
Das vorliegende Buch beschreibt zunächst Formen, Ursachen und Folgen der Non-Compliance. Darüber hinaus zeigt es konkrete Ansatzpunkte zur Verbesserung der Mitarbeit des Patienten in der Therapie auf. Anhand von sechs praxisnahen Beispielen werden erprobte Vorgehensweisen für die complianceorientierte Beratung in Arztpraxis oder Apotheke vorgestellt.